Die Geschichte des weltberühmten Bollenhutes

Unser Gasthof Krone um das Jahr 1920
Die Frauentracht der Dörfer Gutach, Kirnbach und Reichenbach ist für einen Fremden die Schwarzwälder Tracht schlechthin. Sie wird kurz als “Gutacher Tracht” bezeichnet, was jedoch nicht heißt, dass sie in Gutach entstanden ist und von den beiden anderen Gemeinden übernommen wurde. Vielmehr hat man der Tracht wohl den Namen des größten der drei Dörfer gegeben, in denen sie getragen wird. Ein weiterer Grund für die Bezeichnung “Gutacher Tracht” ist das Wirken der Kunstmaler Hasemann und Liebich.

Gemeinsam wie die Tracht haben die Dörfer Gutach, Kirnbach und Reichenbach ihre Geschichte. Nachbarliche und verwandtschaftliche Beziehungen bestanden immer, im nahegelegenen Amtsstädtchen Hornberg war der Markt und damit Treffpunkt der umliegenden “Stäbe”. Es ist also naheliegend, dass die Tracht auf eine gemeinsame Entwicklung im Amt Hornberg hinweist, in keinem Falle aber eine Gemeinde für sich das Urheberrecht in Anspruch nehmen kann.

Über das Alter der Tracht ist viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden. Bei nüchterner Betrachtungsweise, d. h. bei unvoreingenommenen Studium der Akten und des verfügbaren Bildmaterials kommt man zu dem Schluß, dass der Bollenhut etwa um 1700 bis 1750 als modische Neuheit aufkam, sich in manchen Gegenden und in verschiedenen Varianten zeigte (so im Renchtal und in Tennenbronn) und in der Umgebung Hornbergs bis zum heutigen Tag bestehen blieb. Der Ursprung des Bollenhutes geht sicher zurück auf die Einführung der Strohflechterei im Schwarzwald; diese Kunstfertigkeit hatten Händler aus Italien mitgebracht. Vorher trug man in unserer Gegend ausschließlich Stoffhüte, wie es die Bilder alter Meister zeigten.

Der Hinweis, unser Bollenhut stamme aus dem 16. Jahrhundert, wirkt lächerlich, wenn er mit einer Darstellung Holbeins belegt wird, die einen Mann mit Bollenhut zeigen soll. Selbst wenn dies so wäre – man kann die vermeintlichen Bollen auf dem Holbeingemälde nur schwerlich als solche erkennen -, könnte man davon keinen schlüssigen Beweis für das Alter des Gutacher Bollenhutes ableiten.
Gutacherinnen beim Kirchgang (vermutlich 60er Jahre)
Andere Forscher untersuchten die Zahl der Bollen und ihre Anordnung. Auch dabei kommen die wunderlichsten Erklärungen zutage: In Kreuzform seien sie aufgenäht, vierzehn Bollen habe man gewählt in Erinnerung an die 14 Nothelfer, von Blutstropfen Christi wird gar gesprochen.

Man sollte die Kirche im Dorf und den Bollenhut auf dem Kopf von Mädchen und Frauen mit gesundem Menschenverstand lassen. Der Bollenhut hat sich mit größter Wahrscheinlichkeit entwickelt wie Trachten und Trachtenteile anderorts auch. Dass ledige Frauen ROTE Bollenhüte tragen und verheiratete SCHWARZE, ist eigentlich selbstverständlich und bedarf keiner weiteren Erklärung. Anders verhält es sich mit der Haube oder Kappe; sie wird heute von jung und alt getragen, mit oder ohne Bollenhut, ledig oder verheiratet. Dies scheint – folgt man früheren Darstellungen – nicht immer so gewesen zu sein. Die Haube galt als Zeichen der verheirateten Frau, nicht umsonst sagt die Redensart “unter die Haube kommen”! Allein dieses Beispiel zeigt, dass einst bestehende Vorschriften in Vergessenheit gerieten oder anders ausgelegt wurden.

Die moderne, bequeme Kleidung hat dazu beigetragen, dass die Tracht aus dem Alltagsbild des Dorfes mehr und mehr verschwindet. Zum Gottesdienstbesuch dagegen holt vor allem die ältere Generation auch heute noch das Trachtengewand aus dem Schrank. Es wäre nicht richtig, wollte man die Tracht künstlich am Leben erhalten; dies würde letztlich doch nur zur Schau führen. Es gibt allerdings Gelegenheiten, bei denen Alte und Junge die Tracht in echter Weise tragen, so beim Erntedankfest, zur Konfirmation und bei Trachtenhochzeiten. Darüber hinaus bemühen sich Trachtenkapelle sowie Tanz- und Spielgruppen um die Erhaltung der Tracht. Noch gibt es Trachtennäherinnen im Tal, aber der Nachwuchs fehlt. Frau Falk-Breitenbach hat sich nach dem Weltkrieg um die Herstellung des Bollenhutes verdient gemacht und gab Kenntnisse und Fertigkeiten an ihre Nichte Hedwig Kaltenbach weiter, die heute einzige Bollenhutmacherin im Tal ist.

Textquelle:
“700 Jahre Gutach 1275-1975″